Prosa
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Der Schatten
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Ich war noch jung, als dieser große Schatten über mich kam. Es ist ihre Eigenart, dass man sie nicht als solche erkennt. Man glaubt nicht an Sie; dennoch treten sie eines Tages in unser Leben. Als es passierte, war ich noch umflutet von Licht. Ich bemerkte zunächst gar nicht, dass er mein Dasein verdunkelt, ich ahnte nur das Abhandensein von Licht. Ich war plötzlich umhüllt von Finsternis, in der ich mich aber zu bewegen lernte. Ich wurde brillant in der Entwicklung von Strategien im Schatten zu leben. Eines Tages wusste ich nicht mehr, dass es Licht gibt. Das Dunkel wurde mein Alltag und Licht war Illusion. So kam es, dass die Jünger des Schattens sich um mich scharten; ich wurde ihr Messias. Ich wusste tausende Argumente die belegten, dass die Finsternis gut sei und das Licht unser Feind. Man glaubte mir, weil ich selbst daran glaubte. So bekam ich Schüler um Schüler, und diese Schüler wurden selber Lehrer von Schülern, die wiederum Lehrer wurden. Die Theorie der Dunkelheit war die Bestbewiesene und ich wurde der König der Finsternis. Man kam von weither, um mir zu huldigen; mein Ruhm eilte über Landesgrenzen hinweg und verbreitete sich schließlich über die ganze Welt. So war es kein Wunder, dass letztendlich das Universum ohne Licht war. Ich hätte als König der Finsternis sehr gut leben können; denn ich - so glaubte ich - entbehrte nichts. Doch da gab es die Kälte! Mit dem großen Schatten kam eine furchtbare Kälte über mich. So wie ich den Schatten zunächst nicht als solchen erkannte, entzog auch diese Kälte sich meinen Sinnen. Es war die Abwesenheit von Wärme, die mir nicht als Kälte bewusst werden sollte. Doch wenn ich das Fehlen des Lichtes nur ahnte, die Abwesenheit der Wärme mutierte in meiner Seele doch mehr und mehr zur Kälte. Es ergab sich aber nicht, wie man annehmen könnte, dass die zunehmende Kälte meine Sinne alarmierte; was mich hätte frieren lassen. Vielmehr wurde ich selbst kalt. Eben diese Kongruenz zu meiner Umgebung war der Schlüssel aller Strategien, im Schatten zu leben, nein, nicht nur darin zu leben, sondern das Licht zu leugnen und das Dunkel zu lehren. Auf der Grundlage meiner Erfahrungen konnte ich beweisen, dass der Schatten das Licht durchdringt und bewirkt, dass die Welt sich zunehmend abkühlt. Man glaubte mir, denn meine Argumentationen waren logisch kühl; kein Lichtstrahl durchbrach das Dunkel, so dass auch kaum Wärme meinen logischen Schutzwall durchbrechen konnte. Ich beschrieb die Ausbreitung von Kälte, die der Quell der Finsternis war, in mathematischen Gleichungen.
Am Anfang war das Universum hell und heiß, so dass kein Leben in ihm möglich war. Aber und aber
Myriaden von Kernfusionen verhinderten die Ausbreitung der Kälte, so dass sich lange Zeit die Dunkelheit
keinen Raum verschaffen konnte. Doch diese nuklearen Ereignisse kühlten mehr und mehr ab, weil
Wasserstoff mit sich selbst und alle Elemente bis zur Kälte verschmolzen. Lange vor unserer Zeit verschob
sich das Verhältnis zu Gunsten der Finsternis. Der Schatten begann sich auszubreiten und das Licht zu
verdrängen. Damit wurde das Leben möglich. Diese Theorie war nicht mehr zu widerlegen, denn seit
Menschen Gedenken, gab es nichts als Dunkelheit und Kälte. © Erich Romberg, August 1999 SteppenwolfGästebuch / Guestbook Zurück zur Prosa Zum Anfang |