Also sprach Zarathustra

Erster Theil

Die Reden Zarathustra's

Von den drei Verwandlungen

Drie Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele

wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.

Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem

Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine

Stärke.

Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem

Kameele gleich, und will gut beladen sein.

Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es

auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.

Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine

Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert?

Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?

Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und um

der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?

Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben

Freundschaft schliessen, die niemals hören, was du willst?

Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der

Wahrheit ist, und kalte Frösche und heisse Kröten nicht von sich weisen?

Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand

reichen, wenn es uns fürchten machen will?

Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele

gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.

Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen

wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner

eignen Wüste.

Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und

seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.

Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott

heissen mag? ``Du-sollst'' heisst der grosse Drache. Aber der Geist des

Löwen sagt ``Ich will''.

``Du-sollst'' liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf

jeder Schuppe glänzt golden ``Du-sollst!''

Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der

mächtigste aller Drachen ``aller Werth der Dinge - der glänzt an mir.''

``Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth - das bin

ich. Wahrlich, es soll kein ``Ich will'' mehr geben!'' Also spricht der

Drache.

Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das

lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?

Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit

sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des Löwen.

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu,

meine Brüder bedarf es des Löwen.

Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das furchtbarste Nehmen für

einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm

und eines raubenden Thieres Sache.

Als sein Heiligstes liebte er einst das ``Du-sollst'': nun muss er Wahn und

Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von

seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.

Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht

vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus

sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.

Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen

Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der

Weltverlorene.

Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele

ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. --

Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt

wird: die bunte Kuh.

Von den Lehrstühlen der Tugend

Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der Tugend

zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und alle Jünglinge

sässen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra, und mit allen

Jünglingen sass er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:

Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem Wege

gehn, die schlecht schlafen und Nachts wachen!

Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise

durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht, schamlos trägt er

sein Horn.

Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag darauf

hin zu wachen.

Zehn Mal musst du des Tages dich selber überwinden: das macht eine gute

Müdigkeit und ist Mohn der Seele.

Zehn Mal musst du dich wieder dir selber versöhnen; denn Überwindung ist

Bitterniss, und schlecht schläft der Unversöhnte.

Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des Nachts

nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.

Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der

Magen in der Nacht, dieser Vater der Trübsal.

Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu schlafen.

Werde ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?

Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das Alles vertrüge

sich schlecht mit gutem Schlafe.

Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins

verstehn: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.

Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und über

dich, du Unglückseliger!

Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede

auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.

Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So will es

der gute Schlaf. Was kann ich dafür, dass die Macht gerne auf krummen

Beinen Wandelt?

Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die grünste

Aue führt: so verträgt es sich mit dem gutem Schlafe.

Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schätze: das entzündet die Milz.

Aber schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen

Schatz.

Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine böse: doch muss sie

gehn und kommen zur rechten Zeit. So verträgt es sich mit gutem Schlafe.

Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf. Selig

sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.

Also läuft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hüte ich mich

wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der Schlaf, der der

Herr der Tugenden ist!

Sondern ich denke, was ich des Tages gethan und gedacht. Wiederkäuend frage

ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine zehn

Überwindungen?

Und welches waren die zehn Versöhnungen und die zehn Wahrheiten und die

zehn Gelächter, mit denen sich mein Herz gütlich that?

Solcherlei erwägend und gewiegt von vierzig Gedanken, überfällt mich auf

einmal der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.

Der Schlaf klopft mir auf meine Auge: da wird es schwer. Der Schlaf berührt

mir den Mund: da bleibt er offen.

Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und

stiehlt mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.

Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. -

Als Zarathustra den Weisen also sprechen hörte, lachte er bei sich im

Herzen: denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er zu

seinem Herzen:

Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich

glaube, dass er sich wohl auf das Schlafen versteht.

Glücklich schon, wer in der Nähe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf

steckt an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.

Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens sassen

die Jünglinge vor dem Prediger der Tugend.

Seine Weisheit heisst: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, hätte das

Leben keinen Sinn und müsste ich Unsinn wählen, so wäre auch mir diess der

wählenswürdigste Unsinn.

Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor Allem suchte, wenn man Lehrer

der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige Tugenden

dazu!

Allen diesen gelobten Weisen der Lehrstühle war Weisheit der Schlaf ohne

Träume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.

Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend, und

nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr lange stehen

sie noch: da liegen sie schon.

Selig sind diese Schläfrigen: denn sie sollen bald einnicken. -

Also sprach Zarathustra.

Von den Hinterweltlern

Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen

Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk schien mir da

die Welt.

Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch vor

den Augen eines göttlich Unzufriednen.

Gut und böse und Lust und Leid und Ich und Du - farbiger Rauch dünkte

mich's vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von sich, - da

schuf er die Welt.

Trunkne Lust ist's dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich zu

verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst die

Welt.

Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild und

unvollkommnes Abbild - eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Schöpfer: -

also dünkte mich einst die Welt.

Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen

Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?

Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und

-Wahnsinn, gleich allen Göttern!

Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen

Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es mir

von Jenseits!

Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug meine

eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und siehe! Da

wich das Gespenst von mir!

Leiden wäre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu

glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu den

Hinterweltlern.

Leiden war's und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten; und jener kurze

Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.

Müdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge,

eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr wollen will: die

schuf alle Götter und Hinterwelten.

Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war's, der am Leibe verzweifelte, -

der tastete mit den Fingern des bethörten Geistes an die letzten Wände.

Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war's, der an der Erde verzweifelte,

- der hörte den Bauch des Seins zu sich reden.

Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wände, und nicht nur mit

dem Kopfe, - hinüber zu ``jener Welt''.

Aber ``jene Welt'' ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte

unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des Seins

redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.

Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu

bringen. Sagt mir, ihr Brüder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge noch

am besten bewiesen?

Ja, diess Ich und des Ich's Widerspruch und Wirrsal redet noch am

redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende Ich,

welches das Maass und der Werth der Dinge ist.

Und diess redlichste Sein, das Ich - das redet vom Leibe, und es will noch

den Leib, selbst wenn es dichtet und schwärmt und mit zerbrochnen Flügeln

flattert.

Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so mehr

findet es Worte und Ehren für Leib und Erde.

Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: - nicht

mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei

ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft!

Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den

blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von ihm

bei Seite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!

Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden

das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch diese süssen

und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!

Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit. Da

seufzten sie: ``Oh dass es doch himmlische Wege gäbe, sich in ein andres

Sein und Glück zu schleichen!'' - da erfanden sie sich ihre Schliche und

blutigen Tränklein!

Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrückt wähnten sie sich, diese

Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne? Ihrem

Leibe und dieser Erde.

Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zürnt nicht ihren Arten des

Trostes und Undanks. Mögen sie Genesende werden und Überwindende und einen

höheren Leib sich schaffen!

Nicht auch zürnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zärtlich nach seinem

Wahne blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes schleicht: aber

Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine Thränen noch.

Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und

gottsüchtig sind; wüthend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste der

Tugenden, welche heisst: Redlichkeit.

Rückwärts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn und

Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gottähnlichkeit, und

Zweifel Sünde.

Allzugut kenne ich diese Gottähnlichen: sie wollen, dass an sie geglaubt

werde, und Zweifel Sünde sei. Allzugut weiss ich auch, woran sie selber am

besten glauben.

Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlösende Blutstropfen: sondern an den

Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr Ding an

sich.

Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne möchten sie aus der Haut

fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und predigen selber

Hinterwelten.

Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine

redlichere und reinere Simme ist diess.

Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und

rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.

Also sprach Zarathustra.

Von den Verächtern des Leibes

Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und

umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen -

und also stumm werden.

``Leib bin ich und Seele'' - so redet das Kind. Und warum sollte man nicht

wie die Kinder reden?

Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und Nichts

ausserdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.

Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg

und ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.

Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du

``Geist'' nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen Vernunft.

``Ich'' sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grössere ist,

woran du nicht glauben willst, - dein Leib und seine grosse Vernunft: die

sagt nicht Ich, aber thut Ich.

Was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein

Ende. Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller Dinge

Ende: so eitel sind sie.

Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das

Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch mit

den Ohren des Geistes.

Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert,

zerstört. Es herrscht und ist auch des Ich's Beherrscher.

Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger

Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heisst Selbst. In deinem Leibe wohnt

er, dein Leib ist er.

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit. Und

wer weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nöthig hat?

Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. ``Was sind mir

diese Sprünge und Flüge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg zu meinem

Zwecke. Ich bin das Gängelband des Ich's und der Einbläser seiner

Begriffe.''

Das Selbst sagt zum Ich: ``hier fühle Schmerz!'' Und da leidet es und denkt

nach, wie es nicht mehr leide - und dazu eben soll es denken.

Das Selbst sagt zum Ich: ``hier fühle Lust!'' Da freut es sich und denkt

nach, wie es noch oft sich freue - und dazu eben soll es denken.

Den Verächtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Dass sie verachten, das

macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Werth und Willen

schuf?

Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich Lust

und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand seines

Willens.

Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verächter des Leibes, dient ihr

eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und kehrt sich

vom Leben ab.

Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten wilI: - über sich hinaus zu

schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.

Aber zu spät ward es ihm jetzt dafür: - so will euer Selbst untergehn, ihr

Verächter des Leibes.

Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verächtern des Leibes!

Denn nicht mehr vermögt ihr über euch hinaus zu schaffen.

Und darum zürnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewusster Neid ist im

scheelen Blick eurer Verachtung.

Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes! Ihr seid mir keine

Brücken zum Übermenschen! -

Also sprach Zarathustra.

Von den Freuden- und Leidenschaften

Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast du

sie mit Niemandem gemeinsam.

Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie am

Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.

Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist Volk

und Heerde geworden mit deiner Tugend!

Besser thätest du, zu sagen: ``unaussprechbar ist und namenlos, was meiner

Seele Qual und Süsse macht und auch noch der Hunger meiner Eingeweide

ist.''

Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulichkeit der Namen: und musst du

von ihr reden, so schäme dich nicht, von ihr zu stammeln.

So sprich und stammle: ``Das ist mein Gutes, das liebe ich, so gefällt es

mir ganz, so allein will ich das Gute.

Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine

Menschen-Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir für Über-Erden

und Paradiese.

Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin und am

wenigsten die Vernunft Aller.

Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze ich

ihn, - nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern.''

So sollst du stammeln und deine Tugend loben.

Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast du

nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.

Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften an's Herz: da wurden

sie deine Tugenden und Freudenschaften.

Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der

Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:

Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine Teufel

zu Engeln.

Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende verwandelten

sie sich zu Vögeln und lieblichen Sängerinnen.

Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal melktest

du, - nun trinkst du die süsse Milch ihres Euters.

Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse, das

aus dem Kampfe deiner Tugenden wächst.

Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du Eine Tugend und nicht mehr: so

gehst du leichter über die Brücke.

Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos; und

Mancher gieng in die Wüste und tödtete sich, weil er müde war, Schlacht und

Schlachtfeld von Tugenden zu sein.

Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht böse? Aber nothwendig ist diess Böse,

nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung unter deinen

Tugenden.

Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Höchsten: sie will

deinen ganzen Geist, dass er ihr Herold sei, sie will deine ganze Kraft in

Zorn, Hass und Liebe.

Eifersüchtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding ist

Eifersucht. Auch Tugenden können an der Eifersucht zu Grunde gehn.

Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem

Scorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.

Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden und

erstechen?

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst du deine

Tugenden lieben, - denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn. -

Also sprach Zarathustra.

Vom bleichen Verbrecher

Ihr wollt nicht tödten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht

genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge

redet die grosse Verachtung.

``Mein Ich ist Etwas, das überwunden werden soll: mein Ich ist mir die

grosse Verachtung des Menschen'': so redet es aus diesem Auge.

Dass er sich selber richtete, war sein höchster Augenblick: lasst den

Erhabenen nicht wieder zurück in sein Niederes!

Es giebt keine Erlösung für Den, der so an sich selber leidet, es sei denn

der schnelle Tod.

Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und indem

ihr tödtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!

Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem versöhnt, den ihr tödtet. Eure

Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr euer

Noch-Leben!

``Feind'' sollt ihr sagen, aber nicht ``Bösewicht''; ``Kranker'' sollt ihr

sagen, aber nicht ``Schuft''; ``Thor'' sollt ihr sagen, aber nicht

``Sünder''.

Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles schon in

Gedanken gethan hast: so würde Jedermann schreien: ``Weg mit diesem Unflath

und Giftwurm!''

Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes das

Bild der That. Das Rad des Grundes rollt nicht wischen ihnen.

Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwüchsig war er

seiner That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie gethan

war.

Immer sah er sich nun als Einer That Thäter. Wahnsinn heisse ich diess: die

Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.

Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er führte, bannte seine arme

Vernunft - den Wahnsinn nach der That heisse ich diess.

Hört, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist vor

der That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!

So spricht der rothe Richter: ``was mordete doch dieser Verbrecher? Er

wollte rauben.'' Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht Raub:

er dürstete nach dem Glück des Messers!

Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und überredete ihn.

``Was liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum mindesten einen Raub

dabei machen? Eine Rache nehmen?''

Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf ihm, -

da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines Wahnsinns

schämen.

Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist seine

arme Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.

Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last herabrollen:

aber wer schüttelt diesen Kopf?

Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den Geist

in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.

Was ist dieser Mensch? Ein Knäuel wilder Schlangen, welche selten bei

einander Ruhe haben, - da gehn sie für sich fort und suchen Beute in der

Welt.

Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich diese

arme Seele, - sie deutete es als mörderische Lust und Gier nach dem Glück

des Messers.

Wer jetzt krank wird, den überfällt das Böse, das jetzt böse ist: wehe will

er thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und ein

andres Böses und Gutes.

Einst war der Zweifel böse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der

Kranke zum Ketzer und zur Hege: als Ketzer und Hexe litt er und wollte

leiden machen.

Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr mir.

Aber was liegt mir an euren Guten!

Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Böses. Wollte

ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde giengen, gleich

diesem bleichen Verbrecher!

Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder

Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in einem

erbärmlichen Behagen.

Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure

Krücke aber bin ich nicht. -

Also sprach Zarathustra.

Vom Lesen und Schreiben

Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute

schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist.

Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die

lesenden Müssiggänger.

Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein

Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken.

Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das

Schreiben, sondern auch das Denken.

Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er gar

noch Pöbel.

Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern

auswendig gelernt werden.

Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du

lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen gesprochen

wird, Grosse und Hochwüchsige.

Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen

Bosheit: so passt es gut zu einander.

Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die

Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will

lachen.

Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe,

diese Schwärze und Schwere, über die ich lache, - gerade das ist eure

Gewitterwolke.

Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab,

weil ich erhoben bin.

Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?

Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und

Trauer-Ernste.

Muthig, unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig - so will uns die Weisheit:

sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.

Ihr sagt mir: ``das Leben ist schwer zu tragen.'' Aber wozu hättet ihr

Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?

Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so zärtlich!

Wir sind allesammt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.

Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein

Tropfen Thau auf dem Leibe liegt?

Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an's Leben, sondern weil

wir an's Lieben gewöhnt sind.

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas

Vernunft im Wahnsinn.

Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und

Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Glücke zu

wissen.

Diese leichten thörichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu sehen

- das verführt Zarathustra zu Thränen und Liedern.

Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief,

feierlich: es war der Geist der Schwere, - durch ihn fallen alle Dinge.

Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man. Auf, lasst uns den Geist

der Schwere tödten!

Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen

gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle zu

kommen.

Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir,

jetzt tanzt ein Gott durch mich.

Also sprach Zarathustra.

Vom Baum am Berge

Zarathustra's Auge hatte gesehn, dass ein Jüngling ihm auswich. Und als er

eines Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt umschliessen,

die genannt wird ``die bunte Kuh'': siehe, da fand er im Gehen diesen

Jüngling, wie er an einen Baum gelehnt sass und müden Blickes in das Thal

schaute. Zarathustra fasste den Baum an, bei welchem der Jüngling sass, und

sprach also:

Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde es

nicht vermögen.

Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er will.

Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält.

Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: ``ich höre Zarathustra und

eben dachte ich an ihn.'' Zarathustra entgegnete:

``Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem

Baume.

Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine

Wurzeln erdwärts, abwärts, in's Dunkle, Tiefe, - in's Böse.''

``Ja in's Böse! rief der Jüngling. Wie ist es möglich, dass du meine Seele

entdecktest?''

Zarathustra lächelte und sprach: ``Manche Seele wird man nie entdecken, es

sei denn, dass man sie zuerst erfindet.'' ``Ja in's Böse! rief der Jüngling

nochmals.

Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr,

seitdem ich in die Höhe will, und Niemand traut mir mehr, - wie geschieht

diess doch?

Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich

überspringe oft die Stufen, wenn ich steige, - das verzeiht mir keine

Stufe.

Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir, der

Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der Höhe?

Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je höher ich

steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch in der

Höhe?

Wie schäme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich meines

heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie müde bin ich in der

Höhe!''

Hier schwieg der Jüngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem sie

standen, und sprach also:

Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über Mensch

und Thier.

Und wenn er reden wollte, er würde Niemanden haben, der ihn verstünde: so

hoch wuchs er.

Nun wartet er und wartet, - worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der

Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?

Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen

Gebärden: ``Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem

Untergange verlangte ich, als ich in die Höhe wollte, und du bist der

Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns

erschienen bist? Der Neid auf dich ist's, der mich zerstört hat!'' - So

sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte seinen

Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.

Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra also an

zu sprechen:

Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein

Auge alle deine Gefahr.

Noch bist du nicht frei, du suchst noch nach Freiheit. Übernächtig machte

dich dein Suchen und überwach.

In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber auch

deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.

Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem

Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.

Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird

solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.

Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängniss und Moder

ist noch in ihm zurück: rein muss noch sein Auge werden.

Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre

ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!

Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die Andern noch, die

dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler im Wege

steht.

Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen Guten

nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.

Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute, und

dass Altes erhalten bleibe.

Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde, sondern

ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.

Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun

verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.

Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie kaum

noch Ziele.

``Geist ist auch Wollust'' - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die

Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.

Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und

ein Grauen ist ihnen der Held.

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in

deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung! -

Also sprach Zarathustra.

Von den Predigern des Todes

Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen

Abkehr gepredigt werden muss vom Leben.

Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die

Viel-zu-Vielen. Möge man sich mit dem ``ewigen Leben'' aus diesem Leben

weglocken!

``Gelbe'': so nennt man die Prediger des Todes, oder ``Schwarze''. Aber ich

will sie euch noch in andern Farben zeigen.

Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen und

keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung. Und auch ihre

Lüste sind noch Selbstzerfleischung.

Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Fürchterlichen: mögen

sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!

Da sind die Schwindsüchtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so fangen

sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der Müdigkeit und

Entsagung.

Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Willen gut heissen! Hüten

wir uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Särge zu versehren!

Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich

sagen sie ``das Leben ist widerlegt!''

Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht

sieht am Dasein.

Eingehüllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zufälle, welche

den Tod bringen: so warten sie und beissen die Zähne auf einander.

Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei dabei:

sie hängen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch an einem

Strohhalm hängen.

Ihre Weisheit lautet: ``ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind wir

Thoren! Und das eben ist das Thörichtste am Leben!'' -

``Das Leben ist nur Leiden'' - so sagen Andre und lügen nicht: so sorgt

doch, dass ihr aufhört! So sorgt doch, dass das Leben aufhört, welches nur

Leiden ist!

Und also laute die Lehre eurer Tugend ``du sollst dich selber tödten! Du

sollst dich selber davonstehlen!'' -

``Wollust ist Sünde, - so sagen die Einen, welche den Tod predigen - lasst

uns bei Seite gehn und keine Kinder zeugen!''

``Gebären ist mühsam, - sagen dich Andern - wozu noch gebären? Man gebiert

nur Unglückliche!'' Und auch sie sind Prediger des Todes.

``Mitleid thut noth - so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe! Nehmt

hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!''

Wären sie Mitleidige von Grund aus, so würden sie ihren Nächsten das Leben

verleiden. Böse sein - das wäre ihre rechte Güte.

Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie Andre mit

ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! -

Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr nicht

sehr müde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif für die Predigt des Todes?

Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, -

ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille, sich selber zu

vergessen.

Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem

Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch

- und selbst zur Faulheit nicht!

Überall ertönt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde ist

voll von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.

Oder ``das ewige Leben'': das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell

dahinfahren!

Also sprach Zarathustra.

Vom Krieg und Kriegsvolke

Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von

Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch die

Wahrheit sagen!

Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war

Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn euch

die Wahrheit sagen!

Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross genug,

um Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug, euch ihrer

nicht zu schämen!

Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein könnt, so seid mir

wenigstens deren Kriegsmänner. Das sind die Gefährten und Vorläufer solcher

Heiligkeit.

Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! ``Ein-form''

nennt man's, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie damit

verstecken!

Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht - nach

eurem Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass auf den ersten

Blick.

Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und für eure

Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit

darüber noch Triumph rufen!

Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen

Frieden mehr, als den langen.

Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich nicht

zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei

ein Sieg!

Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat: sonst

schwätzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!

Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage

euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.

Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die

Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher

die Verunglückten.

Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mädchen

reden: ``gut sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist.''

Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist ächt, und ich liebe die Scham

eurer Herzlichkeit. Ihr schämt euch eurer Fluth, und Andre schämen sich

ihrer Ebbe.

Ihr seid hässlich? Nun wohlan, meine Brüder! So nehmt das Erhabne um euch,

den Mantel des Hässlichen!

Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie übermüthig, und in eurer

Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.

In der Bosheit begegnet sich der Übermüthige mit dem Schwächlinge. Aber sie

missverstehen einander. Ich kenne euch.

Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum

Verachten. Ihr müsst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge

eures Feindes auch eure Erfolge.

Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei

Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!

Einem guten Kriegsmanne klingt ``du sollst'' angenehmer, als ``ich will''.

Und Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.

Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure höchste

Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!

Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen - und

er lautet: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.

So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben!

Welcher Krieger will geschont sein!

Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im

Kriege! -

Also sprach Zarathustra.

Vom neuen Götzen

Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine

Brüder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage

ich euch mein Wort vom Tode der Völker.

Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und

diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ``Ich, der Staat, bin das Volk.''

Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen

Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heissen sie Staat:

sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als

bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und

Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in

Sitten und Rechten.

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch

redet, er lügt - und was er auch hat, gestohlen hat er's.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der Bissige.

Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als

Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen!

Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat

erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie

schlingt und kaut und wiederkäut!

``Auf der Erde ist nichts Grösseres als ich: der ordnende Finger bin ich

Gottes'' - also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und

Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach,

er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch euch erräth er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet ihr im

Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!

Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne

sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte Unthier!

Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft

er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.

Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück ward

da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!

Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben

preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo

Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame

Selbstmord Aller - ``das Leben'' heisst.

Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder

und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl - und Alles

wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre

Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich

nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden

ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel

Geld, - diese Unvermögenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander

hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, - als ob das Glück auf

dem Throne sässe! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron - und oft auch der

Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Überheisse. Übel

riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle

zusammen, diese Götzendiener.

Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und

Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der

Götzendienerei der Überflüssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe

dieser Menschenopfer!

Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele

Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.

Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig

besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht

überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und

unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat aufhört, - so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr

ihn nicht, den Regenbogen und die Brükken des Übermenschen? -

Also sprach Zarathustra.

Von den Fliegen des Marktes

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme

der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.

Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem Baume,

den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er über dem

Meere.

Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt,

da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der

giftigen Fliegen.

In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie erst

aufführt: grosse Männer heisst das Volk diese Aufführer.

Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber Sinne hat

es für alle Aufführer und Schauspieler grosser Sachen.

Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt: - unsichtbar dreht

sie sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so ist

es der Welt Lauf.

Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt

immer an Das, womit er am stärksten glauben macht, - glauben an sich macht!

Morgen hat er einen neuen Glauben und übermorgen einen neueren. Rasche

Sinne hat er, gleich dem Volke, und veränderliche Witterungen.

Umwerfen - das heisst ihm: beweisen. Toll machen - das heisst ihm:

überzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gründe bester.

Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlüpft, nennt er Lüge und Nichts.

Wahrlich, er glaubt nur an Götter, die grossen Lärm in der Welt machen!

Voll von feierlichen Possenreissern ist der Markt - und das Volk rühmt sich

seiner grossen Männer! das sind ihm die Herrn der Stunde.

Aber die Stunde drängt sie: so drängen sie dich. Und auch von dir wollen

sie Ja oder Nein. Wehe, du willst zwischen Für und Wider deinen Stuhl

setzen?

Dieser Unbedingten und Drängenden halber sei ohne Eifersucht, du Liebhaber

der Wahrheit! Niemals noch hängte sich die Wahrheit an den Arm eines

Unbedingten.

Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine Sicherheit: nur auf dem

Markt wird man mit Ja? oder Nein? überfallen.

Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange müssen sie warten, bis

sie wissen, was in ihre Tiefe fiel.

Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom Markte

und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen

Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!

Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu

nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie Nichts als

Rache.

Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist nicht

dein Loos, Fliegenwedel zu sein.

Unzählbar sind diese Kleinen und Erbärmlichen; und manchem stolzen Baue

gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.

Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen.

Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.

Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich dich

an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen.

Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre blutlosen

Seelen - und sie stechen daher in aller Unschuld.

Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich

noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand.

Zu stolz bist du mir dafür, diese Naschhaften zu tödten. Hüte dich aber,

dass es nicht dein Verhängniss werde, all ihr giftiges Unrecht zu tragen!

Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben. Sie

wollen die Nähe deiner Haut und deines Blutes.

Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir wie

vor einem Gotte oder Teufel. Was macht es ! Schmeichler sind es und Winsler

und nicht mehr.

Auch geben sie sich dir oft als Liebenswürdige. Aber das war immer die

Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!

Sie denken viel über dich mit ihrer engen Seele, - bedenklich bist du ihnen

stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.

Sie bestrafen dich für alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von Grund aus

nur - deine Fehlgriffe.

Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: ``unschuldig sind sie an

ihrem kleinen Dasein.'' Aber ihre enge Seele denkt: ``Schuld ist alles

grosse Dasein.''

Auch wenn du ihnen milde bist, fühlen sie sich noch von dir verachtet; und

sie geben dir deine Wohlthat zurück mit versteckten Wehthaten.

Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken, wenn

du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.

Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entzünden wir an ihm auch.

Also hüte dich vor den Kleinen !

Vor dir fühlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glüht gegen

dich in unsichtbarer Rache.

Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen tratest, und

wie ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem erlöschenden Feuer?

Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie sind

deiner unwerth. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem Blute

saugen.

Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; Das, was gross an dir

ist, - das selber muss sie giftiger machen und immer fliegenhafter.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke

Luft weht. Nicht ist es dein Loos, Fliegenwedel zu sein. -

Also sprach Zarathustra.

Von der Keuschheit

Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da giebt es zu

Viele der Brünstigen.

Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu gerathen, als in die

Träume eines brünstigen Weibes?

Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es - sie wissen nichts

Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.

Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar noch

Geist hat!

Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wäret! Aber zum Thiere

gehört die Unschuld.

Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der

Sinne.

Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine Tugend,

aber bei Vielen beinahe ein Laster.

Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus

Allem, was sie thun.

Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt

ihnen diess Gethier und sein Unfrieden.

Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu betteln,

wenn ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!

Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin

misstrauisch gegen eure Hündin.

Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat sich

nicht nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?

Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren Teufel

austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.

Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie nicht

der Weg zur Hölle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.

Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.

Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt

der Erkennende ungern in ihr Wasser.

Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen, sie

lachen lieber und reichlicher als ihr.

Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: ``was ist Keuschheit!

``Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und nicht

wir zur ihr.

``Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns, - mag er

bleiben, wie lange er will!''

Also sprach Zarathustra.

Vom Freunde

``Einer ist immer zu viel um mich'' - also denkt der Einsiedler. ``Immer

Einmal Eins - das giebt auf die Dauer Zwei!''

Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten,

wenn es nicht einen Freund gäbe?

Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der

Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.

Ach, es giebt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so

nach einem Freunde und nach seiner Höhe.

Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben

möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.

Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft greift

man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man angreifbar

ist.

``Sei wenigstens mein Feind!'' - so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht

um Freundschaft zu bitten wagt.

Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen wollen:

und um Krieg zu führen, muss man Feind sein können.

Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund

dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?

In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am

nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.

Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes

Ehre sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber wünscht dich darum

zum Teufel!

Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit

zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch eurer Kleider

schämen!

Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du sollst

ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.

Sahst du deinen Freund schon schlafen, - damit du erfahrest, wie er

aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein

eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.

Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass dein

Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das überwunden

werden muss.

Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht Alles

musst du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein Freund im

Wachen thut.

Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund

Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und den

Blick der Ewigkeit.

Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an ihm

sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und Süsse

haben.

Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde?

Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem Freunde

ein Erlöser.

Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So

kannst du nicht Freunde haben.

Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb ist

das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe.

In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles, was

es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer noch

Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.

Nodl ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch die

Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr Männer,

wer von euch ist denn fähig der Freundschaft?

Oh über eure Armuth, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr dem

Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch nicht

ärmer damit geworden sein.

Es giebt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!

AIso sprach Zarathustra.

Von tausend und Einem Ziele

VieIe Länder sah Zarathustra und viele Völker: so entdeckte er vieler

Völker Gutes und Böses. Keine grössere Macht fand Zarathustra auf Erden,

als gut und böse.

Leben könnte kein Volk, das nicht erst schätzte; will es sich aber

erhalten, so darf es nicht schätzen, wie der Nachbar schätzt.

Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und Schmach:

also fand ich's. Vieles fand ich hier böse genannt und dort mit purpurnen

Ehren geputzt.

Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine Seele ob

des Nachbarn Wahn und Bosheit.

Eine Tafel der Güter hängt über jedem Volke. Siehe, es ist seiner

Überwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht.

Löblich ist, was ihm schwer gilt; was unerlässlich und schwer, heisst gut,

und was aus der höchsten Noth noch befreit, das Seltene, Schwerste, - das

preist es heilig.

Was da macht, dass es herrscht und siegt und glänzt, seinem Nachbarn zu

Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende, der Sinn

aller Dinge.

Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und Land und

Himmel und Nachbar: so erräthst du wohl das Gesetz seiner Überwindungen und

warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung steigt.

``Immer sollst du der Erste sein und den Andern vorragen: Niemanden soll

deine eifersüchtige Seele lieben, es sei denn den Freund'' - diess machte

einem Griechen die Seele zittern: dabei gieng er seinen Pfad der Grösse.

``Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren'' - so dünkte es

jenem Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt - der Name,

welcher mir zugleich lieb und schwer ist.

``Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu

Willen sein'': diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk über sich

auf und wurde mächtig und ewig damit.

``Treue üben und um der Treue Willen Ehre und Blut auch an böse und

fährliche Sachen setzen'': also sich lehrend bezwang sich ein anderes Volk,

und also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von grossen

Hoffnungen.

Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich, sie

nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom

Himmel.

Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, - er schuf

erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich ``Mensch'',

das ist: der Schätzende.

Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist aller

geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.

Durch das Schätzen erst giebt es Werth: und ohne das Schätzen wäre die Nuss

des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!

Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer

ein Schöpfer sein muss.

Schaffende waren erst Völker und spät erst Einzelne; wahrlich, der Einzelne

selber ist noch die jüngste Schöpfung.

Völker hängten sich einst eine Tafel des Guten über sich. Liebe, die

herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen

solche Tafeln.

Älter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange das

gute Gewissen Heerde heisst, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.

Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen Vieler

will: das ist nicht der Heerde Ursprung, sondern ihr Untergang.

Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Böse. Feuer der

Liebe glüht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.

Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine grössere Macht fand

Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: ``gut'' und ``böse''

ist ihr Name.

Wahrlich, ein Ungethüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer

bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Thier die Fessel über

die tausend Nacken?

Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der

tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das Eine Ziel. Noch hat die Menschheit

kein Ziel.

Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt,

fehlt da nicht auch - sie selber noch? -

Also sprach Zarathustra.

Von der Nächstenliebe

Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich sage

euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.

Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine

Tugend machen: aber ich durchschaue euer ``Selbstloses''.

Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch nicht

das Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.

Rathe ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur

Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!

Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen;

höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und

Gespenstern.

Diess Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du;

warum giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du fürchtest

dich und läufst zu deinem Nächsten.

Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun

wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrthum

vergolden.

Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren

Nachbarn; so müsstet ihr aus euch selber euren Freund und sein

überwallendes Herz schaffen.

Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und

wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut

von euch.

Nicht nur Der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht

Der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im

Verkehre und belügt mit euch den Nachbar.

Also spricht der Narr: ``der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter,

sonderlich wenn man keinen hat.''

Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich

verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der

Einsamkeit ein Gefängniss.

Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon

wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster sterben.

Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei, und

auch die Zuschauer gebärdeten sich oft gleich Schauspielern.

Nicht den Nächsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei euch

das Fest der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen.

Ich lehre euch den Freund und sein übervolles Herz. Aber man muss verstehn,

ein Schwamm zu sein, wenn man von übervollen Herzen geliebt sein will.

Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale des

Guten, - den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu verschenken

hat.

Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in Ringen

zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das Werden der

Zwecke aus dem Zufalle.

Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem

Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.

Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch zur

Fernsten-Liebe.

Also sprach Zarathustra.

Vom Wege des Schaffenden

Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir

selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und höre mich.

``Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist

Schuld'': also spricht die Heerde. Und du gehörtest lange zur Heerde.

Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen wirst

``ich habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch'', so wird es eine Klage und

ein Schmerz sein.

Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses

Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.

Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir

selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!

Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus

sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich sich

drehen?

Ach, es giebt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es giebt so viel Krämpfe der

Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lüsternen und Ehrgeizigen bist!

Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein

Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht,

dass du einem Joche entronnen bist.

Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen durfte ? Es giebt Manchen,

der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge

künden: frei wozu ?

Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über

dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer

deines Gesetzes?

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen

Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den

eisigen Athem des Alleinseins.

Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen

Muth ganz und deine Hoffnungen.

Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich

krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst ``ich bin

allein!''

Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe;

dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien

wirst du einst: ``Alles ist falsch!''

Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen nicht,

nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?

Kennst du, mein Bruder, schon das Wort ``Verachtung''? Und die Qual deiner

Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?

Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du

kamst ihnen nahe und giengst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals.

Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht

dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehasst.

``Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein! - musst du sprechen - ich

erwähle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil.''

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein

Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb nicht

weniger leuchten!

Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die, welche

sich ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.

Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht

einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der Scheiterhaufen.

Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt der

Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.

Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und

ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.

Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir

selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein Weg

vorbei und an deinen sieben Teufeln!

Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und

Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.

Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du

neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!

Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir

schaffen aus deinen sieben Teufeln!

Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und

desshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.

Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe, der

nicht gerade verachten musste, was er liebte!

Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein

Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

Mit meinen Thränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe Den,

der über sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde geht. -

Also sprach Zarathustra.

Von alten und jungen Weiblein

``Was schleichst du so scheu durch die Dämmerung, Zarathustra? Und was

birgst du behutsam unter deinem Mantel?

``Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren

wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund der

Bösen?'' -

Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir

geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist's, die ich trage.

Aber sie ist ungebärdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den

Mund halte, so schreit sie überlaut.

Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne sinkt,

begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner Seele:

``Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns

über das Weib.''

Und ich entgegnete ihr: ``über das Weib soll man nur zu Männern reden.''

``Rede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es gleich

wieder zu vergessen.''

Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:

Alles am Weibe ist ein Räthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lösung: sie

heisst Schwangerschaft.

Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber

was ist das Weib für den Mann?

Zweierlei will der ächte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das Weib,

als das gefährlichste Spielzeug.

Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des

Kriegers: alles Andre ist Thorheit.

Allzusüsse Früchte - die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib;

bitter ist auch noch das süsseste Weib.

Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist

kindlicher als das Weib.

Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr Frauen,

so entdeckt mir doch das Kind im Manne!

Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich, bestrahlt

von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.

Der Strahl eines Sternes glänze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse:

``möge ich den Übermenschen gebären!''

In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den losgehn,

der euch Furcht einflösst!

In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf Ehre.

Aber diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt werdet, und

nie die Zweiten zu sein.

Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes

Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.

Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im

Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht.

Wen hasst das Weib am meisten? - Also sprach das Eisen zum Magneten: ``ich

hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist, an

dich zu ziehen.''

Das Glück des Mannes heisst: ich will. Das Glück des Weibes heisst: er

will.

``Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!'' - also denkt ein jedes

Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.

Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche.

Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche stürmische Haut auf einem

seichten Gewässer.

Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen

Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. -

Da entgegnete mir das alte Weiblein: ``Vieles Artige sagte Zarathustra und

sonderlich für Die, welche jung genug dazu sind.

``Seltsam ist's, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er über

sie Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding unmöglich

ist?

``Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug für

sie!

``Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie überlaut, diese

kleine Wahrheit.''

``Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!'' sagte ich. Und also sprach das

alte Weiblein:

``Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!'' -

Also sprach Zarathustra.

Vom Biss der Natter

Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da es

heiss war, und hatte seine Arme über das Gesicht gelegt. Da kam eine Natter

und biss ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz aufschrie. Als er

den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die Schlange an: da erkannte sie

die Augen Zarathustra's, wand sich ungeschickt und wollte davon. ``Nicht

doch, sprach Zarathustra; noch nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest

mich zur Zeit, mein Weg ist noch lang.'' ``Dein Weg ist noch kurz, sagte

die Natter traurig; mein Gift tödtet.'' Zarathustra lächelte. ``Wann starb

wohl je ein Drache am Gift einer Schlange? - sagte er. Aber nimm dein Gift

zurück! Du bist nicht reich genug, es mir zu schenken.'' Da fiel ihm die

Natter von Neuem um den Hals und leckte ihm seine Wunde.

Als Zarathustra diess einmal seinen Jüngern erzählte, fragten sie: ``Und

was, oh Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?'' Zarathustra

antwortete darauf also:

Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine

Geschichte ist unmoralisch. -

So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem: denn

das würde beschämen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes angethan

hat.

Und lieber zürnt noch, als dass ihr beschämt! Und wenn euch geflucht wird,

so gefällt es mir nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein Wenig

mitfluchen!

Und geschah euch ein grosses Unrecht, so thut mir geschwind fünf kleine

dazu! Grässlich ist Der anzusehn, den allein das Unrecht drückt.

Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der soll

das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!

Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache. Und wenn die

Strafe nicht auch ein Recht und eine Ehre ist für den Übertretenden, so mag

ich auch euer Strafen nicht.

Vornehmer ist's, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten, sonderlich

wenn man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.

Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter

blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.

Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen

ist?

So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern auch

alle Schuld trägt!

So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht, ausgenommen

den Richtenden!

Wollt ihr auch diess noch hören? An Dem, der von Grund aus gerecht sein

will, wird auch noch die Lüge zur Menschen-Freundlichkeit.

Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das

Seine geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine.

Endlich, meine Brüder, hütet euch Unrecht zu thun allen Einsiedlern! Wie

könnte ein Einsiedler vergessen! Wie könnte er vergelten!

Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein

hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder

hinausbringen?

Hütet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Thatet ihr's aber, nun, so tödtet

ihn auch noch!

Also sprach Zarathustra.

Von Kind und Ehe

Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe

ich diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei.

Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du

ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf ?

Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der

Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.

Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder

Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne.

Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.

Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut sein,

rechtwinklig an Leib und Seele.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der

Garten der Ehe!

Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich

rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.

Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr

ist, als die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als vor den

Wollenden eines solchen Willens.

Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die

Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen, - ach, wie nenne ich das?

Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu

Zweien! Ach diess erbärmliche Behagen zu Zweien!

Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel

geschlossen.

Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag sie

nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!

Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht

zusammenfügte!

Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über

seine Eltern zu weinen?

Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als ich

sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige.

Ja, ich wollte, dass die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein Heiliger und

eine Gans mit einander paaren.

Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er sich

eine kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er's.

Jener war spröde im Verkehre und wählte wählerisch. Aber mit Einem Male

verdarb er für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er's.

Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem Male

wurde er die Magd eines Weibes, und nun thäte es Noth, dass er darüber noch

zum Engel werde.

Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und Alle haben listige Augen. Aber

seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.

Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht

vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.

Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie doch

Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist errathen

zwei Thiere einander.

Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichniss und eine

schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren Wegen leuchten

soll.

Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So lernt erst lieben! Und darum

musstet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.

Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht zum

Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!

Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum Übermenschen: sprich, mein

Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?

Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe. -

Also sprach Zarathustra.

Vom freien Tode

Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die

Lehre: ``stirb zur rechten Zeit!''

Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.

Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit

sterben? Möchte er doch nie geboren sein! - Also rathe ich den

Überflüssigen.

Aber auch die Überflüssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und auch

die hohlste Nuss will noch geknackt sein.

Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch

erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein

Gelöbniss wird.

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und

Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein

solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!

Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu sterben

und eine grosse Seele zu verschwenden.

Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender Tod,

der heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.

Und wann werde ich wollen? - Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den

Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.

Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr im

Heiligthum des Lebens aufhängen.

Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden

in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.

Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund

hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.

Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre

verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu - gehn.

Man muss aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt: das

wissen Die, welche lange geliebt werden wollen.

Saure Äpfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den

letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und

runzelig.

Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind greis

in der Jugend: aber spät jung erhält lang jung.

Manchem missräth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an's Herz. So möge

er zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.

Mancher wird nie süss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die ihn

an seinem Aste festhält.

Viel zu Viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte ein

Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume schüttelt!

Möchten Prediger kommen des schnellen Todes ! Das wären mir die rechten

Stürme und Schüttler an Lebensbäumen Aber ich höre nur den langsamen Tod

predigen und Geduld mit allem ``Irdischen''.

Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das zu

viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!

Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen Todes

ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhängniss, dass er zu früh starb.

Noch kannte er nur Thränen und die Schwermuth des Hebräers, sammt dem Hasse

der Guten und Gerechten, - der Hebräer Jesus: da überfiel ihn die Sehnsucht

zum Tode.

Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und Gerechten!

Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt - und das

Lachen dazu!

Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine Lehre

widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum

Widerrufen!

Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling und unreif hasst er

auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüth und

Geistesflügel.

Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermuth:

besser versteht er sich auf Tod und Leben.

Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht Zeit

mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.

Dass euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine Freunde:

das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.

In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem

Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht gerathen.

Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde

mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der Ruhe habe,

die mich gebar.

Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr

Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.

Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen!

Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!

Also sprach Zarathustra.

Von der schenkenden Tugend

1

Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein Herz

zugethan war und deren Name lautet: ``die bunte Kuh'' - folgten ihm Viele,

die sich seine Jünger nannten und gaben ihm das Geleit. Also kamen sie an

einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er nunmehr allein gehen

wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens. Seine Jünger aber reichten

ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen goldnem Griffe sich eine Schlange

um die Sonne ringelte. Zarathustra freute sich des Stabes und stützte sich

darauf; dann sprach er also zu seinen Jüngern.

Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werthe? Darum, dass es ungemein

ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es schenkt sich immer.

Nur als Abbild der höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werthe. Goldgleich

leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst Friede zwischen

Mond und Sonne.

Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und mild

im Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend.

Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jünger: ihr trachtet, gleich mir,

nach der schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen

gemeinsam?

Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und darum

habt ihr den Durst, alle Reichthümer in euren Seele zu häufen.

Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil eure

Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen.

Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne

zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.

Wahrlich, zum Räuber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe werden;

aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.

Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde, die immer

stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht.

Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier des

Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht sie um

den Tisch der Schenkenden.

Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von siechem

Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.

Sagt mir, meine Brüder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes? Ist

es nicht Entartung? - Und auf Entartung rathen wir immer, wo die schenkende

Seele fehlt.

Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein Grauen

ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: ``Alles für mich.''

Aufwärts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes, einer

Erhöhung Gleichniss. Solcher Erhöhungen Gleichnisse sind die Namen der

Tugenden.

Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein Kämpfender.

Und der Geist - was ist er ihm? Seiner Kämpfe und Siege Herold, Genoss und

Wiederhall.

Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Böse: sie sprechen nicht aus, sie

winken nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!

Achtet mir, meine Brüder, auf jede Stunde, wo euer Geist in Gleichnissen

reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Erhöht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzückt er den

Geist, dass er Schöpfer wird und Schätzer und Liebender und aller Dinge

Wohlthäter.

Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine

Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen

befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den

Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung eurer

Tugend.

Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch

Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes

Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!

Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und um

ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der

Erkenntniss

2

Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine Jünger.

Dann fuhr er also fort zu reden: - und seine Stimme hatte sich verwandelt.

Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend! Eure

schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde! Also bitte

und beschwöre ich euch.

Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige

Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!

Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück - ja, zurück zu

Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!

Hundertfältig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend. Ach, in

unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff: Leib und Wille

ist er da geworden.

Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend. Ja,

ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an uns Leib

geworden!

Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns

aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.

Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der

ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.

Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und aller

Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kämpfende sein!

Darum sollt ihr Schaffende sein!

Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhöht er sich; dem

Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele

fröhlich.

Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei seine

beste Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil macht.

Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend Gesundheiten

und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und unentdeckt ist immer

noch Mensch und Menschen-Erde.

Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit

heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein:

aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes Volk

erwachsen: - und aus ihm der Übermensch.

Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon

liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, - und eine neue

Hoffnung!

3

Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der nicht

sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in seiner

Hand. Endlich sprach er also: - und seine Stimme hatte sich verwandelt.

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So

will ich es.

Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen

Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er

euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch

seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt.

Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet

euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr

seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle

Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr

mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine

Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.

Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer

Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den

grossen Mittag mit euch feiere.

Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn

steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als seine

höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein Hinübergehender

sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im Mittage stehn.

``Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.'' -

diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -

Also sprach Zarathustra.