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"Bei einer Nutte"

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01-Jul-2007, 16:17 Uhr (MEZ)
"Bei einer Nutte"
Es ist nicht so, dass ich ein unbefriedigendes Sexualleben habe – nein, wirklich nicht; und obwohl ich mich zur Zeit in keiner festen Beziehung befinde, gehöre ich zu dem Bevölkerungsteil, der sich mit Freuden an die letzte Nacht erinnert. Mit meinen 35 Jahren habe ich - trotz meiner mittelmäßigen äußerlichen Qualitäten – mit genügend Frauen geschlafen, um als hinreichend erfahren zu gelten. Trotzdem beschloss ich eines Tages, mich zu einer Prostituierten zu begeben. Nur so, um mal über den eigenen Tellerrand hinweg zu sehen quasi.
Ich fuhr mit meinem alten Opel, der noch kein Mädchen wirklich beeindrucken konnte, zum Straßenstrich im Osten der Stadt. Ich hatte noch nicht einmal gehalten, als sich schon einige Dienstleistende an mein Auto drängten und mir ihre Angebote machten. Das waren mir eindeutig zu viele Offerten. Ich schaltete in den Leerlauf und trat das Gaspedal durch. Die Huren wichen erschrocken von meinem Wagen und ich konnte noch einpaar Meter weiter fahren, bevor ich endgültig anhielt.
Sofort kam eine junge Blondine auf mein Auto zu. Sie trug einen kurzen roten Rock und ein weißes Top mit Spaghettiträgern. Sie ist zu jung, um ihr Leben auf dem Strich zu verbringen, dachte ich. Doch plötzlich schob sich eine ältere von diesen Dirnen mit roten auftoupierten Haaren zwischen meinen Opel und die Blondine. Ich schätzte sie so Mitte vierzig. Sie trug einen schwarzen, enganliegenden Lederminirock und eine Bluse mit tiefen V-Ausschnitt und Leopardenmuster. Über dem Arm hatte sie einen Lackmantel hängen. Sie war von schlankem Körperbau und hatte die längsten Beine, die ich je gesehen hatte. Sie hatte ein längliches Gesicht, bei dem die Wangenknochen kantig hervorstanden – sie war nicht gerade das, was man eine Schönheit nannte - außerdem war sie zu stark geschminkt, was sie noch einpaar Jahre älter aussehen lies, als sie in Wirklichkeit sein mochte. Auf ihrem vollen Lippen war eine solch dicke Schicht Lippenstift, dass er am Filter ihrer Zigarette hängen blieb. „Wie wär’s mit uns für’n Stündchen, Süßer?“, fragte sie mit einer rauchigen Stimme, die verdächtig nach bevorstehendem Kehlkopfkrebs klang. Ich öffnete ohne zu antworten die Beifahrertür. Sie stieg ein und wir fuhren in Richtung meiner Einzimmerwohnung.
Die ganze Fahrt über hatten wir kein einziges Wort gesprochen und als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, betrat sie wortlos mein Zimmer und lies sich gleich auf meinem Bett nieder. Ich ging in die Küche um eine Flasche Bordeaux zu öffnen. Schon in meiner Jugend war es mir egal gewesen, wo ich schlief, Hauptsache ich hatte ordentlichen Wein - Wein war der einzige Luxus den ich mir in meinem Leben gönnte. „Willst du ein Glas Bordeaux?“, fragte ich höflich über die Arbeitsfläche meiner Singleküche hinweg. „Nein. Sag mir doch lieber, was du willst, hm?“, antwortete die Nutte und begann damit an den wenigen Knöpfen, die ihre Bluse zusammen hielten, herumzufummeln. „Reden.“, sagte ich tonlos und lies mich in einen Sessel am Couchtisch fallen. „Reden?“ – die hochgezogenen Augenbrauen verliehen ihr das Aussehen einer runzligen Schildkröte auf Acid. „Was bist du? Ein Perverser?“, fragte sie mich und schloss hastig ihre Bluse, die sie zuvor nicht schnell genug ausziehen konnte. „Was ist an oralem Gedankenaustausch pervers?“, fragte ich über den Rand meiner Brille hinweg und schmunzelte, während ich mir eine Zigarette anzündete. „Wie heißt du?“ Die Prostituierte blieb scheu. Nach einer Weile sagte sie: „Heike.“ Ich machte es mir vollständig bequem in meinem Sessel, lehnte mich zurück und beobachtete wie sich mein Gast verhalten würde. „Klingt gut. Willst du auch eine rauchen?“ Sie lehnte ab. „Wie lange machst du das schon?“ – „Was?“ – „Na mit fremden Männern schlafen.“ – „Schon immer.“ – „Wie schon immer?“ – „Seit ich ungefähr 21 war.“ – „Wieso?“ - „Wieso, was?“ – „Warum tust du es? Ich meine, macht es dir Spaß?“ Sie lachte. Ich schaute sie an. Es war kein fröhliches Lachen, es klang eher als hätte sie lange Zeit nicht gelacht und müsste jetzt erst einmal ausprobieren, wie das funktioniert. „Nein es macht mir keinen Spaß.“, antwortete sie knapp. „Wieso tust du es dann trotzdem?“ – „Ich muss leben.“ Schweigen. Diese Antwort war so endgültig und resignierend, dass ich für einen kurzen Augenblick nicht wusste, was ich noch sagen sollte. „Werden Nutten eigentlich noch richtig heiß?“, fragte ich forsch um die Stille zu unterbrechen. „Ich meine, habt ihr noch manchmal irgendein Verlangen nach dem Mann, mit dem ihr schlaft?“ Ich verzog dabei keine Miene, es interessierte mich wirklich. Heike musterte mich einige Sekunden lang und als sie merkte, dass ich es wirklich ernst meinte, sagte sie: „Nein. Manchmal bildet man es sich zwar ein, man hätte so etwas wie Verlangen, aber das hat nichts mit Sex zu tun. Es ist...“ Sie schwieg wieder und senkte den Blick als wäre es ihr peinlich, soviel auf einmal gesagt zu haben. Ich lies einige Momente verstreichen, bevor ich weiter fragte: „‘Es ist...’ was?“ Ich versuchte aufmunternd zu klingen, ich fühlte aufrichtige Anteilnahme für diese Person. Heike setzte zu einer Antwort an, aber dann brach sie ab und schüttelte nur betroffen den Kopf. Ich wollte nicht weiter nachbohren. Es war ihr offensichtlich unangenehm, über diesen Punkt ihrer Arbeit zu sprechen. Ich suchte schnell in Gedanken nach einem anderen Thema um die erneut aufkommende Stille wieder zu durchbrechen und sagte dann: „Bist du eigentlich irgendwo angestellt oder bist du sozusagen dein eigener Chef?“ Mein Gast blickte verwundert auf, dann erwiderte sie: „Bei uns im Bezirk ist jede Hure ihr eigener Chef, es gibt keine Zuhälter oder so.“ – „Bei euch im Bezirk?“ – „Naja, du kennst doch dieses ganze Nuttenviertel, oder? Und das ist in Bezirke eingeteilt. Jeder Zuhälter hat seinen eigenen Bezirk und dann gibt es noch einen für die, die keinen Zuhälter haben.“ Ich blickte die Prostituierte interessiert an. „Gibt es da irgendeinen Vertrag, oder so was ähnliches? Ich meine, wie wird das mit den Bezirken geregelt und was passiert, wenn einer, ähm, in fremden Wassern fischt?“ Wieder blickte Heike mich an und suchte nach einem Anzeichen dafür, dass ich sie auf den Arm nehmen würde. „Vertrag? Nein, es ist mehr so eine stille Übereinkunft, an die man sich einfach zu halten hat - sonst kann es richtig heftig werden.“ Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie das aussieht, wenn es „richtig heftig“ wurde und fragte: „Warst du schon einmal dabei, als es ‚richtig heftig’ wurde?“ – „Nein, noch nicht. Natürlich gibt es immer mal wieder kleinere Reibereien, aber im großen und ganzen läuft es friedlich bei uns ab. Gerade bei den Nutten, die keinen Zuhälter haben ist es eher ein Mit- als Gegeneinander.“ Ich schmunzelte. Auch Heike lächelte, als sie meinen Gedanken erriet. „Nicht so, wie du jetzt denkst.“, sagte sie immer noch lächelnd. „Nein, es ist zum Beispiel so, dass sich eine Nutte, die an einem Abend schon zwei Freier hatte, etwas zurück nimmt und den Nächsten einer überlässt, die vielleicht noch keinen hatte.“
Diese Erklärung verwirrte mich irgendwie – war ich überrascht? Konnte ich mir Hilfe unter Nutten nicht vorstellen? Passte dies vielleicht gar nicht in mein Weltbild? Ich steckte mir eine neue Zigarette an und hielt Heike einladend die Schachtel hin. Diesmal lehnte sie nicht ab. Ich gab ihr Feuer und so saßen wir uns mehrere Minuten schweigend rauchend gegenüber. „Was machst du eigentlich?“, fragte jetzt Heike, „Wir haben die ganze Zeit über mich geredet und dabei ist kein einziges Wort über dich gefallen.“ – „Ich bin Architekt.“ Jetzt war ich es, der einsilbig wurde. Ich hasse es über mich zu sprechen, aber ich wusste, dass ich, nachdem ich sie so ausgefragt hatte, jetzt ihren Fragen Antwort stehen musste. „Und da wohnst du in so einer kleinen Bude? Als Architekt muss man doch sicher richtig absahnen, oder?“ – „Ja schon, aber ich bin gerade erst in die Stadt gezogen.“ - „Ah, seit wann wohnst du denn hier?“ – „15 Monate.“ Heike fing plötzlich an zu lachen und diesmal klang es ehrlich fröhlich. „Was bist du denn für eine Nudel?“, fragte sie zwischen ihrem anhaltenden Lachen hindurch. - „Ein Perverser.“ Ich war eingeschnappt. Ich wusste ja, dass es lächerlich klang, das ich gerade vor 15 Monaten hergezogen bin und noch keine richtige Wohnung hatte. „Jetzt nimm mir das doch nicht übel. Bist du wirklich so empfindlich?“ Sie bemühte sich jetzt ihr Lachen zu unterdrücken, aber immer wieder brach ein verschmitztes Lächeln durch. Ich sagte deshalb immer noch nichts und blickte sie nur ab und zu schmollend an. „Hast du denn schon etwas in der Stadt gebaut? – Wo du gerade erst hergezogen bist.“ – „Den Nachtrag hättest du dir echt sparen können! Es hat sich halt nichts richtiges ergeben, das ist doch nicht so schlimm, oder?“ - „Ok, Ok, ich hör ja schon auf.“, versuchte Heike mich zu beschwichtigen. „Hast du jetzt schon etwas in der Stadt gebaut, oder hat sich ‚noch nichts richtiges ergeben’?“ Ich überhörte bewusst die Ironie in ihrer Stimme und sagte ihr, dass ich die neue Kinderkrebsstation entworfen hätte. „Wirklich?“, sagte sie. „Dieses große Glasding? Das hast du entworfen?“ Sie klang beeindruckt, deshalb überhörte ich auch, dass sie die Verwirklichung meines Entwurfes „Ding“ genannt hatte. „Ja, das habe ich. Ich darf auch die alten Gebäudeteile renovieren.“ Heikes Augen wurden immer größer und es gefiel mir, dass sie meine Arbeit anscheinend für ziemlich aufregend hielt. „Ich komme immer mit der S-Bahn daran vorbei, wenn ich zur Arbeit fahre.“, sagte sie. – „Wieso wohnst du denn so weit drinnen in der Stadt?“, fragte ich die Prostituierte. Es kam mir reichlich seltsam vor, dass jemand mit ihrer Arbeit sich eine Wohnung im Stadtkern leistete. „Meine Tochter. Wegen ihr mache ich das.“ Schlagartig war die Gelassenheit aus ihrem Gesicht gewichen, die sich während unseres Gesprächs darin ausgebreitet hatte und es sah wieder alt und verbraucht aus. „Du hast eine Tochter? Wie alt ist sie?“, fragte ich. Das Mitgefühl in meiner Stimme war nicht erzwungen. „Acht.“ Ich merkte, dass Heike in ihre alte Verschlossenheit zurückkehrte. „Dann geht sie schon in die Schule?“ – „Ja, sie geht in die zweite Klasse.“ – „Du musst sie wirklich sehr lieben, wenn du ihretwegen eine Wohnung im Stadtkern anmietest.“, sagte ich voller Bewunderung. Auch wenn Heike eine Hure war, ich hatte bei den wenigsten Leuten eine solche Aufopferungsgabe entdeckt wie bei ihr - und meistens habe ich mit Menschen zu tun, bei denen Geld keine Rolle spielt. „Natürlich liebe ich sie! Sie ist mein Ein und Alles. Ich wüsste nicht, was ohne sie aus mir geworden wäre.“ Heikes Augen leuchteten, wenn sie von ihrer Tochter sprach. Ich sagte ihr das und ein verlegenes Lächeln umspielte ihrem Mund. Es hatte den Anschein, als würde sie sich dadurch geschmeichelt fühlen, so etwas von mir zu hören. „Sie ist sehr gut in der Schule! Jeden Nachmittag, wenn wir zwei, drei Stunden miteinander spielen, zeigt sie mir voller Stolz ihr Bienchenheft und erzählt mir, was sie heute in der Schule gemacht haben.“ Erneutes Schweigen trat ein, dann fügte Heike hinzu: „Ich kann doch nicht zu lassen, dass sie so wie ich endet, oder?“ Sie blickte mich erwartungsvoll an. Als ich sie so sah, hatte ihr Blick irgendetwas Flehendliches, als wäre mein Urteil von irgendeiner Bedeutung für ihr weiteres Leben. Ich wollte diesen Ausdruck noch näher betrachten, doch Heike hatte ihren Blick schon wieder gesengt. „Du kannst stolz auf dich sein.“, sagte ich. Die Nutte war verwirrt. Ich glaube, sie hatte diesen Satz noch nie zuvor in ihrem Leben gehört. „Meinst du das ernst?“, fragte Heike und schaute mich wieder von unten herauf an. „Ja, das meine ich ernst.“
Ich lächelte. Sie lächelte. Ich sah auf meine Armbanduhr. Es war dreiviertel elf, wir hatten fast zwei Stunden geredet. „Oh, das tut mir leid! Ich habe dich von deiner Arbeit abgehalten.“, stotterte ich unbeholfen, „Wie viel schulde ich dir?“ – „Nichts. Außerdem macht es nichts, dass du mich aufgehalten hast. Denkst du wirklich nach einem Gespräch mit dir könnte ich noch zur Arbeit gehen? Wenn du mit dir sprechen müsstest, würdest du an dem Abend auch keinen mehr hoch bekommen – du bist ziemlich langweilig, weißt du das?“ Sie erhob sich mit einem schnippischen Lächeln, zog ihren Mantel an und ging zur Tür. An der Tür küsste sie mich leicht auf die Wange und verschwand dann im Treppenhaus, ohne sich noch einmal zu mir herumzudrehen.


Ich frage mich oft, was aus Heike geworden ist, ob sie immer noch an derselben Straßenecke steht wie damals. Ich glaube nicht, dass sie sich einen anderen Job gesucht hat – dafür war es wohl schon zu spät.
In einer Stunde werde ich mit meiner Verabredung treffen, werde einen netten Abend mit ihr verbringen - sie ist wirklich reizend. Wir werden in diesem kleinen Bistro essen, es wird den besten Rotwein geben und das Gericht des Tages. Danach gehen wir vielleicht noch ein bisschen tanzen oder einfach nur spazieren - der Fluss sieht wunderschön aus, wenn die Lichter der Stadt sich auf seiner Oberfläche spiegeln - Vielleicht werde ich mit ihr schlafen, vielleicht auch nicht. Aber diese Hure werde ich niemals wieder sehen.

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